Komplexe Rotweine von kalkigen Riffs

In der Region Ribera del Duero in Nordwestspanien werden Rotweine auf hohem Niveau erzeugt, die eine gut austarierte Balance zwischen Moderne und Tradition bieten

Kunstinstallation in der Bodega Valduero

Wenn man von Madrid über die kastilische Hochebene Richtung Norden fährt, vermittelt sich durchaus das Gefühl von Reduktion, ja von Kargheit. Die rauen Winter, es kann bis zu – 10° Celsius kalt werden, und die bis zu 40° Celsius Hitze im Sommer, verbunden mit viel Trockenheit, sind typisch für dieses Kontinentalklima. Die Höhenlagen klettern von 600 Meter Meereshöhe bis auf über 1000 Meter, das Landschaftsbild wird über weite Strecken von Pinienwäldern, Olivenhainen und Sonnenblumenfeldern bestimmt. Irgendwann schieben sich die Riffe mächtiger Kalkberge ins Gesichtsfeld und ein kleines Flüsschen, ja, der Duero, wird überquert. Ab jetzt wird die Straße – durch die Provinzen Burgos und Kastilien-Leon führend – von Aranda del Duero bis zur Großstadt Valladolid, also im westlichen Teil des Anbaugebiets, hauptsächlich von eher bescheidenen Ansiedlungen, Rebstöcken, alten Festungen und Kirchen gesäumt. Allerdings findet sich nun entlang der „Ruta del Vino del Ribera del Duero“ eine hohe Dichte von Weingütern mit teilweise imposanten Gebäuden.

Typische Landschaft mit kalkigen Tafelbergen und lehmigen Böden in der Ebene

Wie oft in Spanien haben die Rebstöcke der hier vorherrschenden Sorte Tinto Fino, die hier aber trotzdem oft Tempranillo genannt wird, ein geradezu biblisches Alter, 100 Jahre und mehr sind keine Seltenheit. Sie wachsen auf unterschiedlichen, durch die diversen Höhenlagen bedingt, kalkigen und sandigen Böden, aber auch rötlich gefärbten Lehmböden, insgesamt ca. 23.000 Hektar. Die alten Stöcke sind ein ampelografischer Schatz, der so richtig erst seit etwa 30 Jahren gehoben wird. Obwohl es in dem Gebiet schon eine lange, hauptsächlich durch Klöster aufrecht erhaltene, Weinerzeugung gibt, geriet der Landstrich ein wenig in Vergessenheit.

Das Kloster Monasterio de Valbuena, heute ein Hotel

Im 19. Jahrhundert wurde wieder vermehrt Getreide angebaut und die Winzer lieferten ihre Erzeugung oftmals im Faß an Genossenschaften. Die Qualität war solide, aber nicht bemerkenswert. Nur einige Edelweingüter wie Vega Sicilia konnten sich schon früh im letzten Jahrhundert als Premiummarke positionieren. Doch so ab 1980 kam Bewegung in die Region: große Investitionen, oft auch von außerhalb, wurden auf breiter Front getätigt, seit 1982 gibt es die D. O. Ribera del Duero, das Weingut Protos war hier Namenspate. Weltweit renommierte Weinkritiker wie Robert Parker entdeckten die Weine und die Pioniere – hier sei Alejandro Fernandez mit seinem Weingut Pesquera genannt – der Region. Heutzutage kostet ein Hektar bestockte Fläche bis zu 100.000 Euro. Die Zahl der Güter wuchs rasch von einst 10 auf heute fast 300 Betriebe. Manche befinden sich außerhalb der Ortschaften und glänzen mit futuristischem Design wie die Bodega Aalto oder die Bodega Valdemonjas.

Bodega Valdemonjas

In den Rotweinen muss zu 75 % Tempranillo enthalten sein, gelegentlich findet sich Cabernet Sauvignon oder Merlot zur Abrundung im Cuvée. Die Nomenklatur folgt der bewährten spanischen Einteilung mit Joven, Crianza, Reserva und Gran Reserva, doch nicht wenige Güter verzichten auf diese Bezeichnungen, was legitim ist. Viele Weingüter unterscheiden, gerade im Premiumbereich, nun eher nach Parzellen und Lagen, die dann schon mal separat vermarktet werden.
Es gibt hier fast nur Rotwein, von einigen ordentlichen Rosados oder Weißweinen aus der säurereichen Sorte Albillo abgesehen. Die Qualität fast aller verkosteten Weine war beeindruckend. Dies liegt natürlich in erster Linie an der Sorte Tempranillo aus den oft alten, wettergegerbten Anlagen, zumeist in Gobelet-Erziehung angelegt. In vieler Hinsicht ist Tempranillo eine ideale Rotweintraube. Sie liefert dunkle, manchmal bis zu 15 ° Alkohol enthaltende Moste mit prägnanter Frucht nach roten und dunklen Beeren, mit gelegentlichen Gewürznoten. Doch sie verfügt auch über ein zwar hohes, aber nicht aufdringliches Tanninlevel, das die Weine schön strukturiert. Die hohe Temperaturamplitude zwischen Tag und Nacht fördert zudem die Aromenbildung. Durch das windige und trockene Klima gibt es kaum Fäulnisprobleme, allerdings besteht im Anbaugebiet von September bis Mai häufig Frostgefahr. Die Sorte treibt jedoch spät aus, ist also gut an dieses Klima angepasst.

Tempranillo-Rebstock in der hier eher seltenen Spaliererziehung mit Vorrichtung zu Tröpfchenbewässerung

Da die meisten Betriebe durch die großen Investitionen und durch Neugründungen technisch auf neuestem Stand sind, findet der Anbau, die Lese und die Weinbereitung auf hohem Niveau statt. Aufwendige Laubarbeit, Handlese in kleinen Gebinden und penibles Sortieren des Leseguts sind Standard.

Traubensortierung in den Bodegas Sei Solo

Die Durchschnittsertrag ist mit 4000 kg pro Hektar eher niedrig. Die Vergärung findet im Edelstahl, aber auch in hölzernen Gärküfen neuester Fertigung statt. Stilistisch ist in den besten Weinen eine gelungene Balance zwischen internationaler Rotweinstilistik und regionalem Charakter präsent. Zu guter Letzt landet dann das Endprodukt zum Reifen immer im Stolz des spanischen Winzers, dem zumeist beeindruckenden Barriquekeller mit viel amerikanischer und französischer Eiche. Die Ergebnisse sind entsprechend erfreulich, wenn auch oftmals nicht gerade günstig. 40,- Euro und mehr für eine Flasche im Premium-Bereich ist eigentlich schon die Regel, jedoch gibt es auch Joven- und Crianza-Weine in sehr ordentlicher Qualität schon für ca. 10,- Euro ab Keller.

Barriquekeller der Bodega Balbas

Es gibt ein breites Spektrum, was die Konzepte der Weinherstellung angeht: es gibt die mit viel Geld, Know-How und aufwendigem Marketing entwickelten Weingüter wie die Bodegas Aalto, Biodynamiker wie Marta Marté, Selfmade-Produzenten mit tollem Niveau wie Sei Solo und eher traditionell arbeitende Betriebe wie Dehesa de Canónigos. Stilistisch liegen sie alle jedoch gar nicht so weit auseinander: fast alle Weine verfügen über eine gute Konzentration und Dichte, eine profilierte Struktur mit polierten Tanninen und einer Fruchtausprägung, die sowohl jung als auch gereift ihre Reize entfaltet. Das gefällt dem Rotweinnovizen wie auch dem Kenner. Selbstverständlich passen die Weine, die in alle Welt exportiert werden, gut zur spanischen, besonders der kastilischen Küche, die in den letzten Jahrzehnten erhebliche Fortschritte gemacht hat. Die Qualität der Grundzutaten, sei es Fleisch, Käse oder Früchte, war bereits immer von sehr guter Beschaffenheit, die Tapas-Kultur ist wie immer hervorragend. Doch eine Generation junger Köche versteht es mittlerweile meisterlich, viel Raffinesse und Innovation in die Menüfolgen zu zaubern. Veganer kommen hier etwas zu kurz, doch die übrigen Genießer haben sehr häufig Grund zur Freude.

Iberisches Schweinefilet mit Apfel-Chutney
Typische butterzarte Tapas-Schweinerei

Alles in allem ist Ribera del Duero ein Eldorado für Rotweinfans, Gourmets, aber auch für kulturell interessierte Besucher.


Weiterführende Links:
zum Consejo Regulador:
www.riberadelduero.es


zu einer Auswahl von empfehlenswerten Weingütern:
www.martamarte.com
www.valdemonjas.es
www.bosquedematasnos.com
www.bodegasnabal.com
www.balbas.es
www.dominiodeatauta.com
www.dehesacanonigos.com
www.seisolo.es
www.garmoncontinental.com
www.pagodecarraovejas.com
www.vinoslaveguilla.com
www.lagarisilla.es


zu Übernachtungsmöglichkeiten:
www.castillatermal.com

Eine kleine Galerie vorzüglicher Weine:

Der kapriziöse Frühburgunder…

Der Frühburgunder ist ein kapriziöses Wesen: zickig im Anbau, seine Fäulnisanfälligkeit bei früher Reife ist legendär und auch im Keller will er mit Vorsicht und Verstand gepflegt werden.
Doch wenn alles gelingt, kommen herrlich samtige Weine mit einer den Spätburgundern ähnlichen Frucht heraus, doch beim Frühburgunder scheint oft alles irgendwie eleganter und ätherischer zu sein.
Ein exemplarisches Beispiel für einen gut gereiften – verkostet im Oktober 2017 – Frühburgunder war diese 2010er-Flasche der Selection Rheinhessen aus dem Weingut Bettenheimer in Ingelheim, dessen Inhaber Jens Bettenheimer einen klaren Qualitätskurs fährt, dabei behutsam Neuerungen mit Traditionsbewußtsein verbindet und mittlerweile zu den Toperzeugern in Rheinhessen gehört.

 


Der Weinbeschreibung auf dem Rückseitenetikett ist nicht viel hinzuzufügen, doch die Karamellnoten hatten subtilen Tertiäraromen, sanften Tanninen und einer reifen, aber nicht überreifen Beerenfrucht Platz gemacht und dem Wein insgesamt zu noch mehr Komplexität und würdevoller Eleganz verholfen. Nicht nur in der Jugend betören diese Weine also, in den Händen eines guten Winzers können auch gut lagerfähige Weine entstehen.